„Beteiligung und Wissensaustausch“

Pflegewissenschaftler Harald  Kolbe schaut auf Bundeskonferenz Forensische Pflege zurück

Mit dem Thema 'Sicherheit durch Kompetenz' haben sich die 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der 2. Bundeskonferenz Forensische Pflege, die am 13. und 14. Juli 2015 in der Zeche Zollern in Dortmund stattgefunden hat, beschäftigt. Mit interaktiven Methoden statt mit Frontalvorträgen haben die forensisch-psychiatrischen Praktikerinnen und Praktiker die Möglichkeit gehabt, das eigene Handeln zu reflektieren und neue Ideen für das Arbeitsfeld zu entwickeln. Christoph Müller hat mit dem Bildungsreferenten der Akademie für Forensische Psychiatrie des Landschaftsverbands Westfalen Lippe, Harald Joachim Kolbe, gesprochen, der mit den fünf Pflegedirektoren der LWL - Massregelvollzugskliniken die neuartige Tagung vorbereitet.
 
Christoph Müller: Die Bundeskonferenz Forensische Pflege ist als erfolgreich zu bezeichnen. Nicht nur die mehr als 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprechen eine deutliche Sprache. Welche Indikatoren kennzeichnen aus Ihrer Sicht den Erfolg der Veranstaltung ?
 
Harald Joachim Kolbe: 79 Teilnehmende haben die schriftliche Evaluation der Bundeskonferenz Forensische Pflege ausgefüllt. Diese enthält wichtige Rückmeldungen zur Programmplanung und -organisation, zum methodischen Vorgehen sowie Anregungen für die Zukunft. Daneben haben sich auch 18 Teilnehmende nach der Konferenz auch noch einmal per Mail gemeldet. Aufgrund dieser Rückmeldungen kann ich Ihnen die Erfolgsindikatoren der 2. Bundeskonferenz präzise nennen:

Das LWL-Industriemuseum Zeche Zollern spiegelte als‎ Veranstaltungsort symbolisch die Einstellungen vieler Pflegender wieder: Harte und ehrliche Arbeit. Zudem wurde die 'Kathedrale der Arbeit', wie sie auch im Volksmund genannt wird, von vielen Teilnehmenden als würdiger Veranstaltungsort wahrgenommen.


Die beteiligungsorientierte Planung und Durchführung der Veranstaltung in Zusammenarbeit mit Patientinnen und Patienten, Angehörigen, Heilberuflern und Verwaltungsmitarbeitern wurde in der Evaluation als innovativ und zukünftig für viele unterschiedliche Veranstaltungen wünschenswert bewertet.

Die Methode des Graphic Recording zur Visualisierung und Tagungsdokumentation von Meta-Informationen und Diskussionsverläufen wurde als 'innovativ', 'sinnvoll', 'beeindruckend' und 'effektiv' bewertet. Insbesondere die Sesselrunde zu Beginn der zweitägigen Tagung ermöglichte sechs unterschiedliche Perspektiven auf ein und dasselbe Thema zu entfalten: die die Pflege im Maßregelvollzug bedingenden Strukturen.

‎Der aus der Gruppe der Teilnehmenden resultierende Wunsch nach einer Wanderausstellung der vom Visualisierer Herrn Gärtner erstellten Bilder zeugt von der Überzeugungskraft der Methode und dem gelungenen Praxistransfer. 34 Kliniken aus Deutschland und der Schweiz haben sich bislang gemeldet und die Ausstellung angefragt. Damit wird die Konferenz 17 Monate lang im Gespräch sein. Eine erfolgreiche Art der Öffentlichkeitsarbeit.

Christoph Müller: Während der Bundeskonferenz Forensische Pflege sind Themen identifiziert worden, an denen weiter gearbeitet werden soll ? Welche Themen sind dies ? Wie soll für die Nachhaltigkeit im jeweiligen Zusammenhang sichergestellt werden ?


→ „Expertentum der betroffenen Menschen nutzen“

Harald Joachim Kolbe: Während der Bundeskonferenz Forensische Pflege sind deutliche Bedürfnisse seitens der Teilnehmerinnen und Teilnehmer geäußert worden, mit welchen Themen sie sich mittelfristig beschäftigen wollen. Wir sind aufgefordert, forensisch-psychiatrische Pflege von der Basis her zu denken und das Handwerkszeug für die tägliche Praxis mitzuentwickeln.

Es gibt drei Themen, die in besonderer Weise für die Weiterarbeit identifiziert worden sind. Die pflegerischen Praktikerinnen und Praktiker aus dem Maßregelvollzug wollen sich mit dem Thema Empowerment und Recovery beschäftigen, jener Grundhaltung, die sich ganz stark an den Selbstwirksamkeits- und Selbstmächtigkeitsprinzipien psychiatrieerfahrener Menschen orientiert. Es scheint die Frage im Raum zu stehen, wie das Expertentum der betroffenen Menschen innerhalb des Maßregelvollzugs genutzt werden kann. Die Beteiligung der Peers auch im forensisch-psychiatrischen Kontext ist ein weiterer Punkt, den es im trialogischen Diskurs zu entwickeln gilt. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass der Auftrag der Besserung und Sicherung nur dann gelingen kann, wenn die Rahmenbedingungen für die professionell Tätigen eine fachlich kompetente und die eigene Gesundheit erhaltende Arbeit ermöglichen. Nur wer körperlich wie seelisch gleichermaßen gesund ist wird seine Arbeit lange und motiviert machen.  Dass bereits vielerorts gute Arbeit geleistet wird ist auf der 2. Bundeskonferenz sehr deutlich geworden. Leider leisten viele Kolleginnen und Kollegen sehr gute Arbeit, tauschen sich aber dazu mit anderen viel zu wenig aus. Deshalb wird eine wichtige Aufgabe zukünftig auch darin bestehen, Beispiele guter Praxis zu versprachlichen und anderen Kolleginnen und nKollegen zur Verfügung zu stellen.

Aufgrund der hohen Nachfrage überlegen wir schon jetzt, wann, wo und mit welchem Thema die 3. Bundeskonferenz stattfinden soll. Fest steht allerdings: Sie soll regelmäßig fortgeführt werden und deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit des Austauschs bieten.

Christoph Müller: Sie äußern, dass die Weiterentwicklung der forensisch-psychiatrischen Pflege immer auch von den Menschen an der Basis abhängt. Es muss Gelegenheiten geben, den Trialog zwischen Betroffenen, Angehörigen und psychiatrisch Tätigen wachzuhalten. Wo sehen Sie Möglichkeiten ?
 
Harald Joachim Kolbe: Zahlreiche Teilnehmende haben die beteiligungsorientierte Planung und Organisation als sinnvolle und notwendige Möglichkeit empfunden, nicht nur Tagungen und Konferenzen, sondern auch Fortbildungen und klinikinterne Prozesse zu gestalten, so z.B. die Angehörigenarbeit oder in spezifischen Behandlungsabschnitten die Behandlungsplanung. Beteiligung, egal ob trialogisch oder metalogisch, sollte meines Erachtens in vielen Bereichen der gefährlichkeitsreduzierenden und rehabilitativen Arbeit Einzug halten. Denn es gibt zahlreiche Erfahrungen, Erkenntnisse und Kompetenzen, über die wir als Pflegende gar nicht verfügen können, und die uns nur durch Beteiligung und Wissensaustausch zugänglich werden. Ich kenne z.B. nur ansatzweise die Regeln und Hierarchien unterschiedlicher krimineller Milieus. Eine erfolgreiche Pflege, Behandlung und Rehabilitation sollte aber auf einem Verständnis der Lebenswelt der untergebrachten Menschen aufbauen. Ansonsten werden wir systematisch aneinander vorbeireden.


→ „Themencontainer entwickeln“
 
Christoph Müller: Welche Ziele möchten Sie erreichen, bis Sie im Juli 2017 die dritte Bundeskonferenz Forensische Pflege eröffnen werden ?
 
Harald Joachim Kolbe: Systemisch strebe ich die Entwicklung eines Themencontainers für Forschungsfragen der forensisch-psychiatrischen Pflege an. Dieser sollte praxisrelevante Fragen enthalten und insbesondere die zukünftig zu bearbeitenden Themen wiederspiegeln.
Ein erster Schritt zur Bearbeitung dieser Themen ist mit meinem zweiten systemischen Anliegen verbunden. Die Evaluation hat auch ergeben, dass in vielen Kliniken mittlerweile Stellen für Pflegeentwicklung implementiert sind. Diese Personen miteinander zu vernetzen und einen systematischen Austausch über die von Ihnen bearbeiteten Projekte und dazu genutzten Methoden aufzuzeigen ist ein anderes Projekt. Eine Untergruppe des Fachausschuss Forensik der DGSP könnte dazu den Anfang bilden. Zwei Treffen jährlich könnten zunächst ausreichen. Dabei könnten zunächst die Grundlagen der Organisationsentwicklung, jeweils anhand einer Methode, erläutert werden. Daran anschließend könnte die Möglichkeit bestehen, eigene Projekte im Rahmen eines Forums vorzustellen und von Kolleginnen und Kollegen im fachkollegialen Austausch Rückmeldungen und Anregungen für das weitere Vorgehen zu erhalten.

In meiner Funktion als Bildungsmanager und Organisationseth‎nologe in der LWL-Akademie für Forensische Psychiatrie (AFoPs) ist es mein Ziel, die Personalentwicklung sowie lern- und gesundheitsfördernde Settinggestaltung im Verbund zu ermöglichen. Dazu werden wir im kommenden Jahr eine international seit 15 Jahren anerkannte Qualifizierungsmaßnahme zum Thema 'Setting- und Milieumanagement für psychiatrische Einrichtungen' anbieten. Diese bietet die Möglichkeit für das eigene Setting zielgerichtet ein therapeutisches Milieu zu planen, zu gestalten und zu bewerten. Viele der auf der 2. Bundeskonferenz der forensisch-psychiatrischen Pflege generierten Erkenntnisse können so in den Stationsalltag einfließen.

 

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