Psychiater Manfred Spitzer kritisiert die digitale Neuzeit

Von Christoph Müller

Manfred Spitzer gehört zum Kreis derjenigen Kritiker, die sich laut und vernehmbar an den digitalen Entwicklungen der Gegenwart abarbeiten. Es ist gut, dass es solche unruhigen Geister gibt. Denn schließlich geht es dem Psychiater aus Ulm nicht nur darum, eine Ideologie abzukanzeln. Spitzer ist überzeugend, weil er sich nicht an den Mainstream anpasst, sondern neben aller Wissenschaftlichkeit sicher die richtigen Worte findet, um die aktuelle Situation zu beschreiben. Er schreibt: „Wenn die neue Technik einmal gerade nicht zur Verfügung steht, fühlen wir uns wie ein auf dem Rücken liegender, hilfloser und völlig vergeblich strampelnder Käfer. Das verlegte, verlorene oder gar geklaute Handy bewirkt Herzklopfen, Angst und Stress.“

Der zeitgenössische Mensch reagiert auf das Fehlen neuer Medien demnach nicht nur mit körperlichen Stresssymptomen. Es werden psychische Dynamiken nach den Worten Spitzers frei gesetzt, die er in einem kafkaesken Motiv der Hilflosigkeit ausdrückt. Seine kafkaeske Schelte bewegt ihn dazu, bei der um sich greifenden übermäßigen Nutzung neuer Medien von einer Zivilisationskrankheit.

Ihm ist bewusst, dass viele Gründe formuliert werden, um die Nutzung der Tablets und Smartphones zu rechtfertigen. Irritieren lässt er sich nicht. Denn allzu negative Konsequenzen sieht er im Alltag der zeitgenössischen Menschen. Im Buch „Cyberkrank“ spricht er Adipositas-Probleme genauso an wie die Tücken des Belohnungssystems im menschlichen Hirn. So resümiert Spitzer zutreffend: „Wer leidenschaftlich und geradezu suchtartig Klavier spielt oder Geige spielt, turnt, reitet oder im Hobbyraum mit seiner Modelleisenbahn spielt, kann sehr erfolgreich sein … Man weiß …, dass in all diesen Fällen das Belohnungssystem (die Suchtschaltkreise) aktiviert ist. Es treibt einen dazu an, Hindernisse zu überwinden, Fähigkeiten zu perfektionieren und Höchstleistungen zu vollbringen … weil man beim Verfolgen seiner Ziele über sich hinauswächst und Erfolg hat, und das unmittelbare Erleben des eigenen Könnens ist nun mal befriedigender als jeder sekundäre Verstärker … Das entscheidende Kriterium ist vielmehr die Beeinträchtigung des Lebensverlaufs durch vollkommen aus dem Ruder gelaufene Verhaltensexzesse ...“

Man mag Spitzer unterstellen, dass er sich allzu übermächtig für die kritischen Aspekte der digitalen Veränderungen unserer Gesellschaft entschieden hat. Wer dies versucht, der spricht dem Wissenschaftler in ihm alle Ernsthaftigkeit ab. Doch ist sein Kulturpessimismus mehr als begründet, wenn er das Ende der Privatheit oder den Cyberstress ins Gespräch bringt. Doch bringt er zum Ende des Buchs „Cyberkrank“ mit allem Ernst und allem Respekt gegenüber dem Mitmenschen Möglichkeiten eines geordneten Umgangs in die Diskussion. Er mutmasst über die technische Selbstüberlistung, ermuntert zum Handy-Fasten und und bringt in den Diskurs das Fragezeichen ein, ob die Offline-Existenz als Luxus oder Langeweile erlebt wird.

Das Buch „Cyberkrank“ kann als Beipackzettel zu einer Medikation gelesen werden. Spitzer ist zu danken, dass er diesen Beipackzettel mit seinen zugespitzten Positionen untermauert und eine inhaltliche Auseinandersetzung ermöglicht, die unbedingt notwendig ist bei dieser übermäßigen Medien-Wirklichkeit, die uns alltäglich begegnet.
Das Buch „Digitale Demenz“ist Spitzers älteres Buch zum Thema, das den Schwerpunkt auf die nachwachsende Generation gelegt hat. Gerade das Verständnis von Bildung kommt immer wieder in den Blick. Spitzer gibt zu bedenken: „Es gibt keinen hinreichenden Nachweis für die Behauptung, die moderne Informationstechnik würde das Lernen in der Schule verbessern. Sie führt zu oberflächlicherem Denken, sie lenkt ab und hat zudem unerwünschte Nebenwirkungen, die von bloßen Störungen bis zu Kinderpornographie und Gewalt reichen.“

Das Buch „Digitale Demenz“ ist als Vorarbeit für „Cyberkrank“ zu verstehen. Erst hat sich Spitzer mit der jungen Generation beschäftigt, um anschließend die Dimensionen für die Gesamtgesellschaft aufzuzeigen. Sympathisch erscheint die Tiefgründigkeit. Was für die Kinder und Jugendlichen gilt, gilt konsequent auch für alle Generationen. So schreibt Spitzer: „Die sozialen Online-Netzwerke befriedigen das grundlegende Bedürfnis nach Kontakt zu unseren Mitmenschen … Wer jedoch glaubt, dass diese neue Kontaktmöglichkeit nur Gutes bewirkt, der irrt. Die Anonymität des Internets bewirkt, dass wir uns weniger kontrollieren und uns entsprechend weniger um adäquates Sozialverhalten bemühen müssen.“

Plakativ sind die Überschriften, die Spitzer setzt: „Bildschirme schaden der Bildung“; „Groß in Facebook, klein im Gehirn ?“ Dem Leser bleibt bei dem Buch „Digitale Demenz“ nichts anderes übrig als sich zu den Haltungen Spitzers zu positionieren. Es hilft nicht, Spitzer zu einem Katastrophen-Propheten zu degradieren. Denn Spitzer hält kreativ dagegen und fordert Fingerspiele statt Laptops sowie Bleistifte statt Tasturen.

Spitzer spricht sich so für das Atmosphärische und Sinnliche des Alltags aus, das erfahrungsmäßig fern der virtuellen Welten ist. Er weist nach, dass diese neue digitale Welt die Neuroplastizität der menschlichen Hirne unbedingt beeinflusst. Gerade auch die geistigen und psychischen Folgen nimmt er in der „Digitalen Demenz“ näher unter die Lupe. Die Worte sind scharf, die er findet: „“Wer sich mit digitalen Medien den Schlaf raubt, begeht keineswegs ein Kavaliersdelikt, sondern ein schweres Verbrechen gegenüber dem eigenen Körper … Langfristig führt zu wenig Schlaf zu verminderter Immunabwehr und daher zu einem häufigeren Auftreten von Infektionskrankheiten und Krebserkrankungen.“ Spitzer erklärt Zusammenhänge zwischen übermäßiger Internetnutzung und depressiver Psychopathologie und noch vieles andere mehr.

Die Bücher „Cyberkrank“ und „Digitale Demenz“ sind Warnrufe, die zu einem tiefen Nachdenken über die gegenwärtige Mediennutzung ermuntern. Spitzer tut dem Leser den Gefallen, dass er sich stets mit den Mythen und Ansichten über die modernen Entwicklungen beschäftigt, um darauf aufbauend mit seiner wissenschaftlichen Gründlichkeit die Gegenpositionen einzunehmen. Dies hat argumentativen Stil, kommt als Erörterung daher. Seinen mahnenden Worten ist unbedingt Aufmerksamkeit zu schenken.

             

Manfred Spitzer:

"Cyberkrank – Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert"
DroemerVerlag, München 2015, ISBN 978-3-426-27608-2, 432 Seiten, 22,99 €
"Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen"
Droemer Verlag, München 2012, ISBN 978-3-426-27603-7, 368 Seiten, 10,99 €

 

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